Literaturtipps vom Mai 2026
Bibliothekarin Silvia empfiehlt
Gianrico Carofiglio »Der Horizont der Nacht«
Gianrico Carofiglio erzählt einen besonderen Thriller über Gerechtigkeit und Schuld und gewährt tiefe Einblicke in die Psyche seiner Protagonisten.
Verteidiger auf der Couch
Der Autor verwebt zwei Erzählstränge: Im ersten Strang geht es um den Fall von Elvira Castelli, die den Partner ihrer Zwillingsschwester erschossen hat. Sie gesteht die Tat. Avvocato Guerrini übernimmt die Verteidigung und begleitet die Lesenden durch das Verfahren. Ging es um Notwehr oder war es Mord mit Vorsatz? Im zweiten Erzählstrang liefert der Autor tiefe Einblicke in die Psyche des Protagonisten, seine Erinnerung an Kindheit und vergangene Beziehungen.
Mitreißend schildert Carofiglio die Gespräche zwischen Guerrini und seinem Psychotherapeuten, die zur besonderen Stärke des Romans beitragen. Nachdenklichkeit schimmert dabei immer wieder durch. Auch über die Wut: „Doch manchmal ist sie […] nur eine Methode, um der Traurigkeit aus dem Weg zu gehen, die uns mehr Angst macht als Wut.“
→ Buch
Bibliothekarin Veronika empfiehlt
Marco Balzano »Bambino«
Mattia, ein junger Mann aus Triest, entwickelt sich in den 1920er-Jahren zum brutalen Schläger im aufkeimenden italienischen Faschismus Mussolinis.
Gewalt und Opportunismus
Bei Fahrten ins damals zweisprachige Umland Triests terrorisiert Mattia die slowenisch-sprachige Bevölkerung und begeht zahlreiche Gewalttaten. Konsequent aus der Täterperspektive geschrieben verstört dieses Buch und fordert uns heraus. Selbstbetrug und blinde Flecken prägen Mattias Sicht ebenso wie die Suche nach der leiblichen Mutter, die zum Vorwand seiner Handlungen wird. Erst gegen Ende des zweiten Weltkriegs mischen sich Bitterkeit und leise Selbstzweifel in seine Wahrnehmung. Mattia muss erkennen, dass Gewalt Gegengewalt mit sich bringt.
Die Gewalt bleibt in Balzanos Roman bis zum Schluss unfassbar. Sie geht nicht von Monstern aus, sondern von ganz normalen Menschen. Ein unbequemes Buch, das aufrüttelt.
→ Buch
→ E-Book
Bibliothekar Markus empfiehlt
Jérôme Leroy »Die kleine Faschistin«
Die kleine Faschistin, Francesca Crommelnyck, erlebt eine von Verlusten geprägte Geschichte der Gewalt: Sie verliert wichtige Menschen und ihre Illusionen.
Ein allzu möglicher Untergang
Francesca wurde im rechtsextremen Milieu sozialisiert, ihre ermordete Jugendliebe war Kommunist. Inzwischen ist sie erwachsen, Frankreich wird von links und rechts in rückgratloser Manier zerrieben. Als die kleine Faschistin auf ein Familiengeheimnis stößt, beginnt nicht nur das Land zu zerfallen. Francescas persönliche Geschichte und die politische Entwicklung Frankreichs treiben auf ein überspitztes, zugleich erschreckend glaubwürdiges Ende zu.
Die dystopische Kriminalgeschichte führt mit schwarzhumoriger Lakonie und großer Wucht die Gewaltlust des Faschismus vor. Der Erzähler holt mit spürbarer Glaubwürdigkeit eine düstere Zukunft in die Gegenwart. Der Roman erinnert stellenweise an Michel Houellebecq, verzichtet jedoch auf dessen Zynismus zugunsten einer klaren Darstellung von Gewalt und Faschismus.
→ Buch
Bibliothekarin Elisabeth empfiehlt
Milena Michiko Flašar »Gedankenspiele über die Einsamkeit«
Einsamkeit begegnet und begleitet uns alle. Ein Leben lang. Und nichts und niemand bewahrt uns davor. Nicht einmal die Liebe.
Schmerz und Sehnsucht
Einsamkeit hat viele Facetten. Negative wie positive. Sie ist unausweichlich oder selbst gewählt. Beginnt bei der Geburt, setzt sich fort im ersten „Nein“ als Kind, in den Abkapselungen als junger Mensch und begleitet uns bis zum Tod.
Die Innsbruck liest Autorin von 2021, verbindet behutsam Persönliches mit gesellschaftlichen Phänomenen in Europa und Japan und nimmt Bezug zu ihren Romanen, die verschiedene Formen der Einsamkeit beleuchten.
Ein kurzer, tiefgründiger, dabei nie belehrender Essay, der mehrfach gelesen werden will, um immer wieder neue Impulse für „Gedankenspiele über die Einsamkeit“ zu bekommen.
→ Buch
Zhang Yueran »Schwanentage«
Yu Ling ist das Kindermädchen eines reichen Ehepaars der gehobenen Klasse in China. Die Fassade dieser Familie steht sinnbildlich für die Fassade eines Systems.
Illusion von Elite
Yu Ling plant, ihren siebenjährigen Schützling Kuan Kuan zu entführen, um mit dem Lösegeld ein besseres Leben zu beginnen. Doch alles gerät außer Kontrolle: Sein Vater und Großvater werden wegen Korruptionsverdachts verhaftet, seine Mutter verschwindet. Yu Ling gerät in ein Netz aus Verdächtigungen und Verantwortung – für das Kind und ihre eigene Vergangenheit.
Zhang Yueran zählt zu den wichtigsten Stimmen der chinesischen Gegenwartsliteratur. Ihr Stil ist flüssig, der Roman hervorragend übersetzt. Seine Tiefe entfaltet sich gerade dadurch, dass Handlung nicht als Motor für die Geschichte dient, sondern als Dekonstruktion eines Systems, in dem Menschlichkeit immer wieder verliert. So entsteht ein anspruchsvoller, politischer Roman, der lange nachwirkt.
→ Buch
Markus Orths »Die Enthusiasten«
Markus Orths huldigt in seinem neuesten Roman der Literatur. Menschlicher und von Menschen gemachter Literatur.
Lebendige Literatur
Die Familie des Protagonisten hat ein Faible für Leidenschaft. Während er sich aufmacht, um das sagenumwobene zehnte Buch von Tristram Shandy zu ergattern, erfahren wir von seinem Bruder, der als Filmemacher auf den Durchbruch wartet, und von seiner Schwester, die versucht, Dunkle-Materie-Teilchen zu erlauschen. Sie alle stammen aus einem Elternhaus, in dem die Liebe zu Büchern als wichtigster Motor für ein sinnerfülltes Leben gilt.
Der Autor seziert diese Familiengeschichte mit surrealer Verve, die einen sofort mitreißt. Die poetische Spiellaune seiner Prosa färbt den Tonfall bunt und formt eine Struktur, die sowohl den Figuren wie auch der Melancholie Tiefe verleiht. Bevor er mit einem gekonnten Seitenhieb auf KI schließt.
→ Buch
Gianrico Carofiglio »Der Horizont der Nacht«
Gianrico Carofiglio erzählt einen besonderen Thriller über Gerechtigkeit und Schuld und gewährt tiefe Einblicke in die Psyche seiner Protagonisten.
Verteidiger auf der Couch
Der Autor verwebt zwei Erzählstränge: Im ersten Strang geht es um den Fall von Elvira Castelli, die den Partner ihrer Zwillingsschwester erschossen hat. Sie gesteht die Tat. Avvocato Guerrini übernimmt die Verteidigung und begleitet die Lesenden durch das Verfahren. Ging es um Notwehr oder war es Mord mit Vorsatz? Im zweiten Erzählstrang liefert der Autor tiefe Einblicke in die Psyche des Protagonisten, seine Erinnerung an Kindheit und vergangene Beziehungen.
Mitreißend schildert Carofiglio die Gespräche zwischen Guerrini und seinem Psychotherapeuten, die zur besonderen Stärke des Romans beitragen. Nachdenklichkeit schimmert dabei immer wieder durch. Auch über die Wut: „Doch manchmal ist sie […] nur eine Methode, um der Traurigkeit aus dem Weg zu gehen, die uns mehr Angst macht als Wut.“
→ Buch
Bibliothekarin Veronika empfiehlt
Marco Balzano »Bambino«
Mattia, ein junger Mann aus Triest, entwickelt sich in den 1920er-Jahren zum brutalen Schläger im aufkeimenden italienischen Faschismus Mussolinis.
Gewalt und Opportunismus
Bei Fahrten ins damals zweisprachige Umland Triests terrorisiert Mattia die slowenisch-sprachige Bevölkerung und begeht zahlreiche Gewalttaten. Konsequent aus der Täterperspektive geschrieben verstört dieses Buch und fordert uns heraus. Selbstbetrug und blinde Flecken prägen Mattias Sicht ebenso wie die Suche nach der leiblichen Mutter, die zum Vorwand seiner Handlungen wird. Erst gegen Ende des zweiten Weltkriegs mischen sich Bitterkeit und leise Selbstzweifel in seine Wahrnehmung. Mattia muss erkennen, dass Gewalt Gegengewalt mit sich bringt.
Die Gewalt bleibt in Balzanos Roman bis zum Schluss unfassbar. Sie geht nicht von Monstern aus, sondern von ganz normalen Menschen. Ein unbequemes Buch, das aufrüttelt.
→ Buch
→ E-Book
Bibliothekar Markus empfiehlt
Jérôme Leroy »Die kleine Faschistin«
Die kleine Faschistin, Francesca Crommelnyck, erlebt eine von Verlusten geprägte Geschichte der Gewalt: Sie verliert wichtige Menschen und ihre Illusionen.
Ein allzu möglicher Untergang
Francesca wurde im rechtsextremen Milieu sozialisiert, ihre ermordete Jugendliebe war Kommunist. Inzwischen ist sie erwachsen, Frankreich wird von links und rechts in rückgratloser Manier zerrieben. Als die kleine Faschistin auf ein Familiengeheimnis stößt, beginnt nicht nur das Land zu zerfallen. Francescas persönliche Geschichte und die politische Entwicklung Frankreichs treiben auf ein überspitztes, zugleich erschreckend glaubwürdiges Ende zu.
Die dystopische Kriminalgeschichte führt mit schwarzhumoriger Lakonie und großer Wucht die Gewaltlust des Faschismus vor. Der Erzähler holt mit spürbarer Glaubwürdigkeit eine düstere Zukunft in die Gegenwart. Der Roman erinnert stellenweise an Michel Houellebecq, verzichtet jedoch auf dessen Zynismus zugunsten einer klaren Darstellung von Gewalt und Faschismus.
→ Buch
Bibliothekarin Elisabeth empfiehlt
Milena Michiko Flašar »Gedankenspiele über die Einsamkeit«
Einsamkeit begegnet und begleitet uns alle. Ein Leben lang. Und nichts und niemand bewahrt uns davor. Nicht einmal die Liebe.
Schmerz und Sehnsucht
Einsamkeit hat viele Facetten. Negative wie positive. Sie ist unausweichlich oder selbst gewählt. Beginnt bei der Geburt, setzt sich fort im ersten „Nein“ als Kind, in den Abkapselungen als junger Mensch und begleitet uns bis zum Tod.
Die Innsbruck liest Autorin von 2021, verbindet behutsam Persönliches mit gesellschaftlichen Phänomenen in Europa und Japan und nimmt Bezug zu ihren Romanen, die verschiedene Formen der Einsamkeit beleuchten.
Ein kurzer, tiefgründiger, dabei nie belehrender Essay, der mehrfach gelesen werden will, um immer wieder neue Impulse für „Gedankenspiele über die Einsamkeit“ zu bekommen.
→ Buch
Zhang Yueran »Schwanentage«
Yu Ling ist das Kindermädchen eines reichen Ehepaars der gehobenen Klasse in China. Die Fassade dieser Familie steht sinnbildlich für die Fassade eines Systems.
Illusion von Elite
Yu Ling plant, ihren siebenjährigen Schützling Kuan Kuan zu entführen, um mit dem Lösegeld ein besseres Leben zu beginnen. Doch alles gerät außer Kontrolle: Sein Vater und Großvater werden wegen Korruptionsverdachts verhaftet, seine Mutter verschwindet. Yu Ling gerät in ein Netz aus Verdächtigungen und Verantwortung – für das Kind und ihre eigene Vergangenheit.
Zhang Yueran zählt zu den wichtigsten Stimmen der chinesischen Gegenwartsliteratur. Ihr Stil ist flüssig, der Roman hervorragend übersetzt. Seine Tiefe entfaltet sich gerade dadurch, dass Handlung nicht als Motor für die Geschichte dient, sondern als Dekonstruktion eines Systems, in dem Menschlichkeit immer wieder verliert. So entsteht ein anspruchsvoller, politischer Roman, der lange nachwirkt.
→ Buch
Markus Orths »Die Enthusiasten«
Markus Orths huldigt in seinem neuesten Roman der Literatur. Menschlicher und von Menschen gemachter Literatur.
Lebendige Literatur
Die Familie des Protagonisten hat ein Faible für Leidenschaft. Während er sich aufmacht, um das sagenumwobene zehnte Buch von Tristram Shandy zu ergattern, erfahren wir von seinem Bruder, der als Filmemacher auf den Durchbruch wartet, und von seiner Schwester, die versucht, Dunkle-Materie-Teilchen zu erlauschen. Sie alle stammen aus einem Elternhaus, in dem die Liebe zu Büchern als wichtigster Motor für ein sinnerfülltes Leben gilt.
Der Autor seziert diese Familiengeschichte mit surrealer Verve, die einen sofort mitreißt. Die poetische Spiellaune seiner Prosa färbt den Tonfall bunt und formt eine Struktur, die sowohl den Figuren wie auch der Melancholie Tiefe verleiht. Bevor er mit einem gekonnten Seitenhieb auf KI schließt.
→ Buch



